Sprachreform vs. schriftstellerische Freiheit

Es ist Januar und die Buchbranche braucht ein neues Diskussionsthema (letztes Jahr: John Asht).

Los ging alles am 09.01.2013, das neue Jahr war noch etwas müde, die Familie Preußler und der Thienemann Verlag nicht. Denn sie gaben eine Pressemeldung heraus, dass die Neuauflage von "Die kleine Hexe" modernisiert werden soll und rassistische Begriffe wie "Neger" und "Türke" und "Chinamann" korrigiert werden sollen.

Ein Aufschrei folgte und jeder der schon einmal ein Buch gelesen hat, steuerte sein (Halb-)Wissen bei. Ich habe die Diskussion verfolgt und wusste nicht wirklich, was ich davon halten soll, da beide Seiten interessante Argumente aufzeigten.

 

Im ersten Moment war mein Gedanke als Buchliebhaberin und -sammlerin "Oh nein! Wie kann man nur!". Schließlich denkt ja auch niemand daran, Shakespeares "Merchant of Venice" umzuschreiben, nur weil die Juden in Italien jetzt Bürgerrechte genießen.

Wollten sie "Die kleine Hexe" politisch korrekt gestalten, müsste man ja direkt mir dem Titel anfangen und es künftig als "Die kleine Wicca" oder "Die junge Neuheidin" verkaufen. In der fraglichen Szene verkleiden sich die Kinder für Fasching. Wieso sollen sie sich nicht als Chinesen oder Türken verkleiden? Was ist der politisch korrekte Begriff dafür?

Als ich gelesen habe, dass Pippi Langstrumpfs Vater vom "Negerkönig" zum "Südseekönig" wurde, fand ich das schon etwas befremdlich. Ja, das N-Wort ist nicht nur in Amerika verpöhnt, aber Pippi ist nun mal nicht konform. Sie spricht nicht hochgestochen und auch nicht politisch korrekt, sie trägt ja nichtmal dieselben Socken!

 

Auf der anderen Seite steht der Fortschritt, der so oft den Traditionalisten und Gewohnheitstieren (wie mir) in die Quere kommt. Sprache ist lebendig und verändert sich ständig. Was heute noch ein normales Wort ist kann morgen schon jemanden fürchterlich beleidigen. Immer wieder gibt es in Serien Szenen wo ein Wort gesagt wird - und sei es nur "fesch" - woraufhin jemand entgegnet: "Sagt man das noch?"

Alte Wörter sterben aus, neue werden erfunden. Bestes Beispiel dafür sind die höchst amüsanten "Jugendwörter des Jahres". Aber auch die setzen sich durch, werden benutzt und vielleicht wird "Should I compare thee to a summer day" eines Tages zu "Jo Alte du riechst wie ne Blumme (sic!)" werden.

 

Am Überzeugendsten auf der Pro-Reform-Seite sind jedoch diese beiden Argumente: der leidenschaftliche Brief der 9-jährigen Ishema, die sich beim N-Wort jedesmal persönlich beleidigt fühlt (nein, der Brief ist kein Fake) sowie die Tatsache, dass die Familie Preußler diese Änderungen selbstständig vorgeschlagen hat.

Neben dem N-Wort steht die Korrektur des Wortes "wichsen" an. Mal ehrlich: welcher Jugendliche denkt dabei heutzutage noch an Schuhe

 

Hey, ich glaub ich hab doch ne Meinung:

Eine textkritische Ausgabe mit Fußnoten ist übrigens ebenfalls in der Diskussion und scheint mir am passendsten um gleichzeitig zu modernisieren und den alten Sprachschatz zu erhalten.

 

~ Lilith ~

 

Vielen Dank an Oliver Plaschka für den steten Fluss an informativen Links (hier und hier).

Hier noch eine ausführliche FAQ des Verlages zum Thema.



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