Lesungsrezension: Drachengeschichten

Da, kaum beschäftigt man sich mit einem Thema, schon ergibt sich eine Möglichkeit nach der nächsten. Gerade habe ich meine Rezension zu Jo Lendles Lesung veröffentlicht, schon lädt mich Mareike zur nächsten ein. Und auch wenn es mir widerstrebt, so kurz hintereinander dasselbe Thema zwei Mal zu besprechen, so komme ich doch um diesen Abend nicht herum, war er doch so ganz anders als eine gewöhnliche "Wasserglaslesung".


Geladen wurde zu einem "Gewandungsabend" in der berühmten Rollenspielerkneipe "Zu den vier Winden" in Bochum. Ordnungsgemäß in meinem Barock-Kleid aufgerüscht, traf ich pünktlich ein, um noch ein wenig von Aufbauchaos und Personalschwierigkeiten (Ferienanfang, Stau, Autor fehlte) mitzubekommen.

Das Publikum bestand aus 15 Menschen, die zum Teil ebenfalls gewandet erschienen waren und scheinbar größtenteils der Theatergruppe der Autoren angehörten. Das tat dem Spaß jedoch keinen Abbruch, waren doch so alle auf gleicher Augenhöhe, es bedeutete weniger Lampenfieber für die Vortragenden und mitgesungen haben auch alle (dazu gleich mehr).


Es wurde zwar eine Lesung mit Drachengeschichten angekündigt, doch bekommen hat man ein abwechslungsreiches Entertainmentprogramm: die Mittelalterband "Die Rottenfänger" spielten Lieder mit Prinzessinen-Drachen-Helden-Themen, die Autorin Angelika Dirksen (Foto links) las aus ihrem Buch "Sas a Horis Orakel", der Autor Bernd Badura (Foto Mitte) las verschiedene Kurzgeschichten und die "Königin" Anja Biederstaedt (Foto rechts) steuerte Lieder und Anekdoten aus ihrem "Königreich" bei.


Gehen wir es doch nacheinander durch:

1. Die Rottenfänger

Die Band hatte anfangs ein paar Schwierigkeiten mit ihrer Flötistin, die sich aber rasch legten. Immer wieder spielten sie Lieder über Helden, holde Maiden und das Leben als (Rollenspiel-)Reisender. Die Musik hat mir gut gefallen, die Texte waren originell und haben schöne, in sich geschlossene Geschichten erzählt.

Besonders bewegend war, als sie ein Lied, das sie speziell für die vier Winde und ihren Wirt geschrieben haben, dem Besitzer vorspielten, der auch brav gerührt guckte.

Nach dem Ende der Lesungen folgte ein spontanes Wunschkonzert - da viele LARPer anwesend waren, wurden sich Lieder gewünscht, die man gerne um ein Lagerfeuer singen würde - mein persönliches Highlight war "Wir sind blau wie das Meer". Das Lied kannte ich noch nicht und der Refrain hat mich so überrascht, dass ich vor lachen fast vom Stuhl gefallen wäre. Herrlich.

Schön war, dass dazu aufgefordert wurde, sich die Refrains zu merken und mitzusingen. Interaktive Komponenten funktionieren ja nicht immer, aber wie schon erwähnt war das Publikum offen dafür.


2. Angelika Dirksen

In einem tollen schlichten grünen Mittelaltergewand führte sie durch den Abend und las auch vor. Scheinbar ist das Buch etwas dicker und enthält noch viele andere Charaktere und Handlungsstränge, doch heute Abend - im Zeichen des Drachen - las sie drei Stellen vor, die von einem jungen Ritter namens Leith und seiner Begegnung mit einem Drachen erzählen. Da der Drache mit seinem modernen Wissen den ungläubigen mittelalterlichen Knaben etwas irritiert und seit 10.000 Jahren keinen Menschen mehr gesehen hat und daher gar nicht gefährlich und furchteinflößend ist, sondern jemand, der Freunde sucht, waren die Lacher hier auf Frau Dirksens Seite.

Ich weiß nicht, ob dies ihre erste Lesung war, doch scheinbar war sie von Herr Badura etwas eingeschüchtert (der scheinbar schon mehr Erfahrung als Autor hat?). Sätze wie "Ich mache dann mal Platz für den Mann, auf den Sie gewartet haben" waren völlig unnötig - mir hat der Grinsedrache besser gefallen als die Geschichten von Herr Badura.


3. Bernd Badura

Herr Badura las auch drei Mal, aber unterschiedliche Kurzgeschichten.

Die erste handelte davon, dass die vier Jahreszeiten keine Lust mehr auf das Gejammer der Menschen über das Wetter haben und streiken, weshalb vier Drachen das Regiment übernehmen und versuchen, alles wieder in Ordnung zu bringen - und dabei noch mehr Chaos stiften. Diese Geschichte war teils witzig, teils rührend und brachte einen zum Nachdenken. Ich bin niemand, der sich groß über das Wetter beschwert - man kann es ja eh nicht ändern - aber die Charakterisierung der Jahreszeiten und der Drachen war einleuchtend.

Die zweite Geschichte handelte von einem Land, in dem Käfer alles mögliche auffressen, weswegen ein Alchemist immer neue Gattungen erfinden muss, um die alte Sorte auszurotten. Dass dabei die Umwelt unnötig leidet (und am Ende auch die Menschen), wurde im Subtext interessant rübergebracht - der Mensch sollte sich nicht mehr als nötig einmischen, die Natur hat schon alles so eingerichtet, wie es sein sollte.

Zum Abschluss las Herr Badura einen längeren Text, der mir etwas kindisch/kindlich erschien. Ein Zwölf (halb Elf, halb Zwerg) hat magischen Schnupfen - wenn er niest, zaubert er unkontrolliert. Um das zu beheben muss er ins ein gefährliches Land voller zweiköpfiger Monster, da nur dort die Heilpflanze wächst. Durch seine Nieser werden die Monster natürlich einerseits auf ihn aufmerksam, andererseits wachsen ihnen seltsame Extremitäten durch den Zauber, ein Drache erscheint, und der Zwölf hext sich an unpraktische Orte. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Text bei Kindern zu hysterischem Gelächter führen würde (Haha, der Zwölf hat jetzt eine Schweinsnase!), er war aber etwas zu lang zum Vorlesen. Da die meisten Zuhörer zu dem Zeitpunkt mit Abendessen beschäftigt waren, tat dies der Stimmung keinen Abbruch.


4. Die Königin

Tjaa... die Königin wäre, glaube ich, mein einziger Kritikpunkt an dem Abend. Ihre Rolle habe ich nicht so ganz verstanden. Wenn sie Königin ist, Hof hält und sich von den Vortragenden amüsieren lässt, während sie mit scharfem Auge darauf achtet, dass das Publikum brav mitmacht, braucht sie wohl nichts selbst beizutragen. Das tat sie jedoch, "inkognito" als Anja Biederstaedt.

Zunächst folgte ein Lautenspiel mit kurzer Lehrstunde, was nicht ganz flüssig ging - ich vermute, die Kurbel an der Laute klemmte etwas. Zwischendurch trug sie immer wieder a cappella Lieder vor, die sie zu den Charakteren in Angelika Dirksens Roman geschrieben hatte - eigentlich eine schöne Idee, aber diejenigen, die das Buch nicht gelesen hatten, konnten die Inhalte natürlich nicht ganz nachvollziehen.

Am Ende trommelte und sang sie einfach bei den Rottenfängern mit - was per se keine Kritik ist, aber plötzlich rückte die Band in den Hintergrund, was etwas irritierend anzusehen war. Und bei einem meiner Lieblingslieder, "Roter Mond", sang sie die zweite Stimme zu schrill und mit anderem Text als die erste Stimme. Schade.


5. Zu den vier Winden 

Die Lokalität war für den Abend perfekt gewählt. Die "vier Winde" ist im Ruhrpott eine Legende unter Rollenspielern und veranstaltet häufig Turniere, Larps oder Stammtische. Die Inneneinrichtung des großen Saals bestand aus mehreren Tischen, einem Thron und Wänden, die wie die einer Höhle gestaltet waren. Das Menü ist dahingehend auch angepasst - eine Cola ist beispielsweise keine Cola, sondern Schwarzwurzeltrank und Orangensaft mit Vanilleeis ein "Sanfter Engel". Zu Essen gibt es auch reichlich, sodass niemand mitten im Pen-and-Paper-Turnier (oder der Lesung) kraftlos zusammenbrechen muss. Trotz unserer Gewandungen wurde niemand schräg angesehen - sowas sieht man dort einfach häufiger.


Ich hatte vorher befürchtet, es gibt eine Lesung von Selfpublished-Autoren, die ihre unkorrigierten Werke in ihren Bart murmeln, aber ich wurde eindeutig eines besseren belehrt. Es war viel weniger eine Lesung als ein Abenteuer - spannend, spaßig und mit netten Kameraden, die mit einem ums Lagerfeuer sitzen, trinken und Lieder grölen.


 ~ Lilith ~

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Kommentare: 1
  • #1

    Agga Kastell (Samstag, 27 Juni 2015 17:41)

    Selfpublisher-Autoren geben sich ebenfalls große Mühe, ihren Lesern zu gefallen und murmeln selten unkorrigiertes in ihren Bart! Gibt es ein Video, dass die Melodie zum Piratentext untermalt? Schön, dass ihr Spaß hattet!