Nadine Luck ~ Fettnäpfchenführer Weihnachten ♠♠♠♠

Also, die Fettnäpfchenführer sind in unserem Haus ja schon fest vor Reisen etabliert. Sie laufen immer nach demselben Prinzip ab: Jemand fährt zum ersten Mal in ein unbekanntes Land und benimmt sich dort wie der letzte Vollhonk, weil er*sie keine Ahnung von lokalen Bräuchen und Gepflogenheiten hat. Doch wie macht man das bei Weihnachten, einem Fest, das überall auf der Welt gefeiert wird? Tja, da wurden Frau Luck und der Verlag kreativ, denn es entspinnt sich ein Science-Fiction-Epos, in dem Gurian Hollerbach aus dem Jahr 2226 zu seinen Ahnen 2019 reist, um Nachforschungen zum in seiner Zeit verlorenen Weihnachtsfest anzustellen. Dabei lernen er und die Lesenden allerlei Bräuche aus Deutschland und der Welt kennen - ob das alles immer so logisch ist, bei einem magischen Kind in einem Stall, sei erstmal dahingestellt. Der arme Gurian schlägt sich jedenfalls tapfer.

 

Ich weiß, sie brauchten eine Prämisse, um all die Absonderlichkeiten um Weihnachten einer außenstehenden Person näherbringen zu können, aber alles was ich sehe, sind die Wissenschaftler*innen im Jahr 2226, wie sie Jack-Skellington-Experimente durchführen und so ratlos sind, dass ihnen nix anderes übrig bleibt, als das selbst zu erkunden. "Interessante Reaktion, aber was bedeutet sie???" XD

Das Buch selbst ist passend gestaltet: komplettes Goldcover und dunkelgrüne Vorsatzblätter. Praktischerweise gibt es 24 Kapitel, sodass man das Buch auch als Adventskalender benutzen könnte. Zur Übersicht gibt es diese Themen, die auch auf dem beigelegten Lesezeichen aufgeführt werden:

  • Kein Lebkuchen vor dem 1. Advent
  • Adventskranztraditionen
  • Weihnachtsgeld
  • Kartenschreiben
  • Adventskalender
  • Alles um die Krippe
  • Nikolaus vs. Weihnachtsmann
  • Krampus & Knecht Ruprecht
  • Kekse vs. Plätzchen
  • Briefe an den Weihnachtsmann
  • Weihnachtsmarkt in Erfurt
  • Wichteln
  • Weihnachtsfeier im Büro
  • Tannenschlagen
  • Konsumwahn
  • Baumschmuck
  • Weihnachtslieder
  • Wer bringt die Geschenke?
  • Familienkrieg
  • Festtagsessen
  • Feiertags-Film & TV
  • Die Heiligen Drei Könige
  • Ende der Feierlichkeiten

Dabei folgen wir dem bekannten Prinzip: Eine Familiensituation wird dargestellt, die Gurian zu meistern versucht und hoffnungslos versagt. Wir bekommen dann in der Rubrik "Oh du Peinliche" die Hintergründe und ggfs. lokale Unterschiede erklärt. Sporadisch gibt es dann noch Infokästen zu Rekorden, Besonderheiten oder Traditionen in anderen Ländern. Auch ein Tannen-Kauf-Ratgeber, ein Bullshit-Bingo für Kaffeekränzchen bei Oma und Geschenktipps für Wichteln für fremde Menschen sind darunter, alles sehr praktisch und hilfreich. Mir hat der Teil zu den Weihnachtsliedern gefallen. Ich finde es immer schrecklich, wenn Leute nicht auf den Text hören und dann sagen "Das ist sooo romantisch" oder "Das ist sooo schööön" und dabei geht es um Trennungen und Mord und Elend auf der Welt.

Ich fand die Traditionen aus anderen Ländern besonders spannend, aber wirklich fasziniert haben mich diese Regelungen, denen sich auch Gurian unverständlicherweise unterwerfen muss. Als sei es nicht abstrus genug, dass wir ein Kleinkind feiern, das eventuell vor 2000 Jahren im Sommer geboren wurde. Mein Mann kommt aus einem polnisch-katholischen Haushalt, meine Mutter ist Christin und dennoch habe ich von einem Großteil der Regeln, die Frau Hollerbach da aufstellt, noch nie gehört. In Zeiten von Scheidungen und Patchwork-Familien ist ja auch vieles nicht mehr so streng, aber ich habe das Gefühl, wir sind besonders lax. Wir essen, was uns gefällt, wann es uns passt und wir reden miteinander - wenn wir mal daheim bleiben wollen und keinen sehen möchten oder keine Geschenke im Budget sind, geht das auch. Kein Drama, kein achduje.

 

Hier mal unsere Adventszeit:

  • Baumkuchen und Lebkuchen werden gekauft, sobald man Lust darauf hat.
  • Geschenke werden das ganze Jahr über gesammelt, sobald einem was auffällt, sonst sitzt man nämlich im Dezember panisch da.
  • Halloween / Samhain ist uns wichtig, also wird das ordentlich abgewartet, davor geht nix.
  • Im November wird dann als Übergang von Halloween zu Weihnachten "The Nightmare before Christmas" geschaut und irgendwann der Baum (künstlich) aufgebaut sowie alle Deko im Haus verteilt, damit ich darunter stimmungsvoll die Geschenke einpacken kann (Ende Nov / Anfang Dez). Ich habe eine superniedliche Krippe, da sie mir aber so nichts bedeutet und einige Figuren stark fallsüchtig sind, baue ich sie nur alle paar Jahre auf.
  • Falls ich Lust habe, backe ich Kekse, wir sind aber eher Kuchenfans.
  • Da wir alle bibliophil sind, pflegen wir seit kurzem auch die isländische Tradition des Jólabókaflóð, bei der sich am Abend vor Heiligabend zusammengekuschelt, ein Buch geschenkt und gelesen wird.
  • An Heiligabend wird ZUERST ein geiles Essen gemacht und gefuttert (ca. 17 Uhr) und dann erst gesungen und die Geschenke aufgemacht.
  • Vor dem Essen erhält jede*r eine Oblate / Brot und geht damit rum und spricht sich gegenseitig Segenswünsche aus (eigentlich für Jul / das neue Jahr); Tradition von polnischer Seite.
  • Als Kinder waren wir auch in der Kirche und mussten dann warten, bis ein Glöckchen bimmelte, dass die Geschenke vom Christkind gebracht worden waren.
  • Als ich noch in der Nähe wohnte, ging es am 24. zu meiner Mutter, am 25. zur Familie meines Freundes und am 26. zu meinem Vater. Inzwischen ist es kreuz und quer, da Adam als Kinderloser kaum Urlaub bekommt - mal fahren wir in meine Heimat, mal feiern wir bei uns oben.
  • Die Tradition der Weihnachtsgurke finde ich so herrlich abstrus, dass ich das selber gern machen würde, vergesse es aber im vollgefressenen Zustand jedes Jahr wieder. Ich kenne die Regelung, dass die Person, die die Gurke findet, das erste Geschenk aufmachen darf.

Das interessiert mich jetzt - wie läuft das bei euch ab? Seid ihr total traditionell? Total religiös? Total locker? Was gehört für euch unbedingt dazu, um in Stimmung zu kommen?

~ 04.12.2020


Kommentare: 1
  • #1

    Adam (Dienstag, 22 Dezember 2020 18:30)

    Von wegen: "Wir essen, was uns gefällt, wann es uns passt"... traditionsloses Evangelen-Pack! ;)
    So sieht das bei der Familienhälfte mit polnisch-katholischen Wurzeln aus:
    - den ganzen Tag darf man weder warme Speisen noch Süßkramm naschen, nur ein Brot gegen den Hunger
    - Punkt 17:00 Uhr gibt es endlich das heißersehnte Abendmahl
    - vor dem Essen brechen alle symbolisch das Brot in Form von Oblatten und sprechen sich Neujahrswünsche aus (eine Yultradition aus heidnischen Zeiten als das Fest noch gleichbedeutend mit Jahreswechsel war, behaupten Historiker, aber das ist natürlich pure Häresie!)
    - die Speisenfolge ist jedes Jahr identisch seit sich die Großeltern an Weihnachten erinnern können: Steinpilzsuppe mit Bandnudeln, in Butter gebratener Karpfen mit Kartoffelpüree und Sauerkraut (ebenfalls mit Steinpilzen gekocht), Mohnklöße mti Mandeln und Walnüssen. Und wehe man weicht ab, dann ist das Fest ruiniert. XD

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zuletzt aktualisiert 20.04.2021

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