Karin Müller ~ Ein Schotte kommt selten allein ♠♠♠♠

~ Werbung weil Rezensionsexemplar. Alle Meinungen meine eigenen. Herzlichen Dank an Frau Austen für die Bereitstellung! ~

 

 

Janne ist ein introvertierter Nerd (ihre Katzen heißen George und Lucas), der davon träumt, die schottischen Highlands durch eine Naturwanderung kennenzulernen. Ihre Freundinnen kennen ihre Schottlandliebe und schenken ihr... eine Busrundreise für Filmfreaks. Das ist ja gut gemeint, aber mit Fremden in einen Bus gesperrt zu werden und die Highlands nur durch Fenster sehen zu können, ist erstmal ein Albtraum für die arme Janne. Und als sie an einem Stopp zu spät zum Bus zurückkehrt, steigt sie aus Versehen in den falschen ein...

 

Ich verstehe die arme Janne. Ich war mit einer Busreise in Cornwall unterwegs und dass wir in Glastonbury nur eine halbe Stunde Zeit hatten, hat ein tiefes Trauma hinterlassen. Wir haben uns dann kackendreist immer abgesetzt und doch ziemlich geile Sachen erlebt (Stichwort Privatführung in der Exeter Library). Aber Schottland durchs Busfenster? Das wäre unerträglich. Diese magische Atmosphäre, die kleinen versteckten Wasserfälle, die abgelegenen Schauplätze kann man nur im eigenen Gefährt richtig genießen - ich muss es wissen, ich war inzwischen dreimal dort und immer mit Mietwagen unterwegs. Schottland ist so schön, dass sogar ich faule Sau motiviert wäre, dort Wanderungen zu unternehmen!

 

Aber zurück zu Janne. Die ersten 200 Seiten leidet sie jedenfalls ordentlich und auch wenn ihre bösartigen Blogeinträge amüsant sind, ist es etwas anstrengend. Dann steigt sie in den falschen Bus und fährt 4 Stunden in die falsche Richtung und ich bekomme dasselbe Gefühl wie bei Kings "Das Mädchen": Einfach sofort Bescheid geben und kommunizieren und schwupps wäre das Problem behoben. Nein, sie stürzt sich kopfüber ins Chaos, denn das ist ja viel lustiger. Und stressiger. Aber kaum wird die gute Janne von einem netten Highlander betüttelt, wird sie ganz umgänglich. Immerhin. Doch dann wird sie paranoid und weibisch-hysterisch. Seufz. Bis die zwei das Chaos klären, sind nochmal 200 Seiten fällig.

 

Zwei Saches haben mich allerdings gestört (und wenn der Hauptcharakter ein klugscheißender Faktenfreak ist, darf ich das auch; Ähnlichkeiten mit realen oder historischen Personen zufällig):

1. Sie sind auf der Fähre und zwei Typen unterhalten sich und Alex sagt, das sei Gälisch und erklärt ihr, was sie sagen. Und ich denke noch bei mir, woher kann ein relativ junger Typ, der in Hamburg studiert hat, Gälisch? Ja und dann sitzen sie im Hotelzimmer und er sagt "Dinnae fash" und das ist dann auch Gälisch und ich denke mir: Ah, da weiß jemand den Unterschied zwischen Scots und Gälisch nicht. Ergo:

Scots (schottisches Englisch, vom Germanischen beeinflusste Sprache der Lowlands, sprechen viele)

Gälisch (eigenständige Sprache der Highlands, gibt's in irisch oder schottisch, spricht fast keine*r mehr)

Und dann gibt's noch Glasgow-Scots, das spricht keine*r ohne drei Whisky. Also, nochmal zum Mitschreiben:

Englisch = Don't worry.

Scots = Dinnae fash (yersel').

Schottisches Gälisch = Na gabh dragh.

Irisches Gälisch = Ná bí buartha.

(Schottisches und irisches Gälisch kann man übrigens leicht an den Accents auseinanderhalten: ´ ist irisch und ` ist schottisch!)

 

2. Die MacDonalds wurden beim Glencoe-Massaker nicht von Engländern getötet, sondern von einem Regiment aus Argyll unter Leitung eines Campbells. (Wen's interessiert, mehr Infos hier.)

 

So, Lektionen Ende. Ein Hinweis noch: Ich glaube, dieses Buch tut für "Outlander" das, was "Outlander" für den schottischen Tourismus bewegt hat. Falls ihr also keine Ahnung habt, wer Jamie ist, was in Steinkreisen passieren kann oder wie Sam Heughan nackt aussieht, könntet ihr hier einige nervige Wissenslücken haben, die euch den Lesespaß verderben.

 

Wie hat mir das Buch denn jetzt gefallen? Es hat mir tatsächlich ziemlich gut gefallen, auch wenn Janne erstmal genervt hat mit ihrer Nörgelei und Paranoia, war es doch sehr witzig und ich war überraschend schnell mit den 500 Seiten durch. Immer ein gutes Zeichen. Der geistige Ausflug in Richtung September hat meine Halloweenstimmung beendet und jetzt bin ich bereit für ein schottisches Weihnachtsfest, hurra!

 

"Der Verstandesbeamte in meinem Kopf kugelt sich [vor Lachen] hinter seinem Schreibtisch."

~ 17.11.2020


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