The Nerdess

Neil Gaiman hat in einer seiner Neujahrsansprachen gesagt, man soll Kunst schaffen und wenn man es tut, soll man es auch mit anderen teilen, damit alle ein glückliches, kunsterfülltes Leben führen können.

Also... wer sich schonmal gefragt hat, wovon ich rede, wenn ich von dem Mädchen im roten Mantel spreche... here you go




Ein Leser durchlebt tausend Leben, ehe er stirbt.

Der Mann, der nie liest, lebt nur sein eigenes.“

George R. R. Martin


Als es zur Pause läutete, presste das Mädchen in dem roten Parka ihr Buch an sich und verschwand. Eines Tages hatten die anderen Kinder herausgefunden, wo sie ihre Pausen verbrachte: zusammengekauert auf einem Mauervorsprung sitzend, versank sie in anderen Welten. Deshalb hatte sie sich ein anderes Versteck suchen müssen, denn unter ständiger Beobachtung und mit Hänseleien bombardiert ließ sich kein Buch genießen. „Guckt euch mal die an!“ hörte sie. Ihr Liebling war „Lesen ist ja soo langweilig, kommt, wir gehen fangen spielen!“, dann hatte sie wenigstens den Rest der Pause ihre Ruhe. Niemand in ihrem Alter verstand ihre Leidenschaft für das geschriebene Wort. Sie bezeichneten sie als irre, gestört, dass sie stundenlang still sitzen und Zeichen auf Papier anstarren wollte. Die Erwachsenen sagten, sie sei introvertiert, und nachdem sie in der Bibliothek ein Lexikon befragt hatte, konnte sie sich mit der Definition anfreunden. Natürlich hütete sie sich davor, dieses schwere Wort ihren Mitschülern zu erklären. Aus ihrer Sicht waren nämlich sie die Gestörten, die Hyperaktiven, die nie ruhig saßen, die sich nicht mit sich selbst beschäftigen konnten und immer nach Aufmerksamkeit gierten.

Wieso bist du nicht normal?!“ war eine Anklage, die sie sowohl von ihren Mitschülern, als auch von ihrer Mutter zu hören bekam. Doch was war normal? Laut sein? Wie alle anderen sein? Bloß nicht auffallen? Was machte sie anders? Wieso waren das die coolen Kinder, mit denen jeder befreundet sein wollte?

Manchmal überlegte sie, ob sie einfach mitspielen sollte. Lächeln, nicken und andere imitieren. Dann fragte sie sich, was dann aus ihr würde, dem kleinen Mädchen, das sie wirklich war. Sie wusste, dass sie klüger war, dass sie viel mehr zu bieten hatte als Geschrei. Sie hatte mit Kapitän Ahab gekämpft, war mit Robinson gestrandet, hatte mit Alice eine verrückte Teeparty gefeiert und mit Harry Quidditch gespielt. All diese Charakterköpfe hatten ihr mehr über Menschlichkeit, Freundschaft, Mut und Liebe beigebracht als ihre Mitschüler je erfahren würden. Was also machte sie zur Ausgestoßenen? Wenn man sie stach, blutete sie nicht?

Einmal hatte sie versucht, sich zu integrieren. Sie wurde eingeladen, fangen zu spielen. Eine große Gelegenheit, vielleicht endlich dazu gehören zu können. Endlich die anderen davon zu überzeugen, dass sie auch „normal“ sein konnte. Es kam, wie es kommen musste: die anderen Kinder hielten die Regeln nicht ein und versteckten sich vor ihr, sodass sie die ganze Pause suchend umherirrte. Danach wollte sie gar nicht mehr dazu gehören. Sie wollte einfach in Ruhe gelassen werden und mit ihren imaginären Freunden Abenteuer erleben. Eines Tages würde sie richtige Freunde haben, mit denen sie über Bücher reden konnte. Vielleicht welche, mit denen man zusammen sitzen und gemeinsam lesen konnte? Das war ihr großer Traum und daran hielt sie fest.


Heute würde man sie Nerd nennen und dank des Internets würde sie die Freunde finden, die sie sich immer erträumt hat. Als „irre“ würde sie nur noch bezeichnet werden, wenn sie etwas beeindruckend gut kann. Nerds haben sich mit dem Begriff so sehr identifiziert, dass er keine Beleidigung mehr darstellt. Im Gegenteil, sie sind gesellschaftlich akzeptiert und erhalten ihr eigenes zielgruppengerechtes Marketing. Lexika führen „Nerd“ als Synonym zu Individualist und Underdog. Manche auch „Außenseiter“. Doch sie sind keine gesellschaftliche Randgruppe mehr. Es sind die Cleveren, die Belesenen, die Hochintelligenten, die die Welt spielend leicht aus ihren bequemen Sesseln heraus übernehmen könnten. Sobald sie ein weiteres Kapitel fertig gelesen haben...


~ (c) Lilith ~

Foto: Internet


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Kommentare: 1
  • #1

    Adam (Mittwoch, 06 Mai 2015 22:10)

    Bei all den schönen Texten, die Du so liebevoll rezensierst, liebe Lilith, freut es mich wirklich sehr, dass Du nun einen von Deinen eigenen hier veröffentlicht hast.
    Ich finde diesen Text sehr bewegend, er berührt mich, er berührt mein Herz
    und das ist letztendlich das, was echte Kunst ausmacht.
    Meine aufrichtige Bewunderung!